Ford Focus ST Turnier

Diesmal ging es mit einem potentiellen Outlander Nachfolger auf die Reise. Einem Ford Focus ST Turnier mit 2 Liter Turbo unter der Haube. Leider war das Wetter einfach schlecht: Schnee, Matsch, schlechte Sicht. Das machte ein Ausfahren auf der Autobahn unmöglich. Trotzdem hat der Motor überzeugt.

Zunächst mal ein paar Daten:

6-Gang Schaltgetriebe
2.0 l Turbomotor (4 Zylinder)
360 Nm
250 PS
Vmax: 248 km/h
0-100 km/h: 6,5 sec

Der Vorführwagen hatte Topausstattung mit allem Firlefanz, den man z.T. eigentlich gar nicht braucht.

2-Zonen Klimaautomatik
Rückfahrkamera, Winterpaket
Sony Navigations-/Audiosystem
Komplett Ledersitze & Rückbank von Recaro
Bi-Xenon usw.

Wer sich für die Details interessiert: http://www.ford.de/Pkw-Modelle/FordFocus

Exterieur

Die runde Form gefällt nicht jedem und die Front wirkt an diesem Auto auch objektiv gesehen etwas deplatziert. Abhilfe schaffen zwar diverse Zubehörartikel, aber ein Designwunder nach dem sich alle Menschen umdrehen wird er nie werden. Aber es ist auf jeden Fall schlicht und elegant, wie er so da steht. Lang, auf schönen Alufelgen (gut, die Sommeralus sind wesentlich schöner) und trotz allem irgendwie stimmig. Was mir persönlich überhaupt nicht gefällt ist dieser seltsame Auspuff. Wahrscheinlich wollte Ford hier einen Akzent setzen…das ist aber gründlich misslungen.
Ebenfalls kurios: Im Prospekt wird groß ein „Heckdiffusor“ angepriesen. Nur ist da gar keiner. Lediglich ein paar Luftleitlinien sind am Boden zu finden. Ab Endschalldämpfer ist da gar nichts mehr. Die ganze Sache ist aber nicht nur negativ zu bewerten. Ein Doppelrohrauspuff vom 1.6 l EcoBoost inkl. passender Heckstoßstange dürften Plug & Play passen und der hat auch keinen „Diffusor“.
Ansonsten gibts aber nichts zu meckern. Das Auto fällt eben nicht auf und passt auf jeden Parkplatz. Egal ob bei McDonald´s oder vor dem Steigenberger. Macht man die „ST“-Logos ab, hat man Understatement pur.

Schrieb ich nichts zu meckern? Moment…eins war da noch: Nein das Vorführauto hatte keinen Unfall. Die Spaltmaße sind genau so…bei allen ST Modellen. Vielleicht kühlt es ja den Motor O_o.

Interieur

Der Innenraum lässt sich eigentlich in zwei Sätzen zusammenfassen:
1.) Wirkt von Außen größer als er ist.
2.) Ist hochwertiger als man in einer Mittelklasse vermuten würde.
Zunächst die positiven Aspekte mal hervorgehoben. Alle Materialien fühlen sich weich und wunderbar an. Die Sitze sind an sich ausgesprochen bequem, die Dämmung ist fantastisch, nichts klappert und man hat zahlreiche Ablagemöglichkeiten. Es kommt schon nach den ersten paar Kilometern echtes Wohnzimmerfeeling auf…zumindest auf den vorderen Sitzen.
Hinten wird es hingegen eng was die Beinfreiheit angeht. Wenn der Fahrer recht weit hinten sitzt, nutzen auch die Vertiefungen in den Rücklehnen nichts mehr…dann stoßen die Beine an. Da hätte ich mir von einem Kombi 10 cm mehr erwartet.
Ebenfalls absolut seltsam sind die Kopfstützen. Die vorderen sind stark nach vorne geneigt und lassen sich nicht ein Stück zurück stellen. Das führt dazu, dass groß gewachsene Fahrer entweder den Sitz sehr legen müssen (Ich will nicht im Auto liegen!) oder den Kopf immer etwas auf die Brust legen (Übertrieben gesprochen). Abhilfe würden einfach neigbare  Kopfstützen bringen.
Noch schlimmer sind aber die Kopfstützen auf der Rückbank. Entweder man hat sie eingeklappt und damit voll im Rücken oder man stellt sie eine Stufe hoch (mehr Stufen gibt es nämlich nicht) und hat sie im Nacken…auch nicht besser. Da erwarte ich mir von einem Hersteller wie Ford einfach mehr.
Ansonsten wunderschöne Details wie die Zusatzanzeigen oder beleuchtete ST-Schriftzüge. Anfangs verwirrend ist das Navigationssystem. Nach kurzer Eingewöhnung funktioniert die Bedienung aber ausgesprochen gut und intuitiv. Lediglich das Design will sich nicht so recht einfügen. Leider ist es das einzige System mit Rückfahrkamera. Die „schöneren“ Systeme von Ford bieten eine solche nicht. Schade, denn auf Grund der winzigen Heckscheibe und der geringen Übersicht wird die Rückfahrkamera durchaus benötigt.

Fahrwerk

250 PS auf die Frontachse. Das kann doch nicht gut gehen, oder?
Nun es ist kein Evo, kein Impreza und auch kein GT86. Es ist ein Ford Kombi mit gut (Turbo-)Druck unter der Haube. Er ist nicht für kurvige Landstraßen oder Slalomparcours gebaut. Er ist perfekt um gut und schnell vorwärts zu kommen…vorzugsweise über die Autobahn.
Das Fahrwerk ist dabei keinesfalls schlecht. Die Lenkung ist direkt, die Federung vermittelt einen sehr guten Kontakt zur Fahrbahn und der Kompromiss zwischen straffer Abstimmung und Komfort ist perfekt gelungen. Aber bei nasser Straße und einem straffen Gasfuß gelangt das Konzept schnell an seine Grenzen. Bei dem nassen Winter-/Herbstwetter heute kam das ESP z.T. noch im 3ten Gang auf der Autobahn. Wer hier, wie ich, Allradverwöhnt ist, wird die Nase rümpfen.
Das ESP ist in 3 Stufen abschaltbar: An, Sport und Aus. Bei An kommt es sehr schnell und lässt einen bei normaler Fahrweise jede Witterung meistern, bei Sport merkt man kaum das es an ist…hier wird nur im Notfall eingegriffen. Von Aus ist abseits von sicheren Strecken nicht zu raten. Stichwort Gegenpendler bei Kombis. Jeder der einmal mit Kombi und ohne ESP über die Rüttelplatte ist, weiß wovon ich rede.
Noch ein Wort zu den Bremsen: Meisterhaft…als wenn man einen Anker wirft.

Motor & Schaltung

Das Sahnestück dieses Autos ist der Motor. Er trägt zwar die Bezeichnung „EcoBoost“ aber dabei dürfte eher der Wunsch der Vater des Gedanken gewesen sein. Der Motor reißt nach vorne, dass es einem einfach nur ein Grinsen ins Gesicht treibt. Turboloch? Keins gefunden. Turboschlag ab 3000 Touren? Nichts. Einfach eine gleichmäßige und kräftige Kraftentfaltung vom Drehzahlkeller bis zu 6500 Touren. Da ist dann schluss. Egal ob Autobahn im 6ten Gang gemütlich cruisen oder zum Überholen runterschalten. Kraft liegt immer satt an. Gegen diesen Kombi sieht mein Outlander kein Land…außer direkt beim Anfahren. Der FWD kann einfach vor Kraft kaum laufen…ich kann es nicht oft genug erwähnen. Mit Übung und sensiblen Gasfuß kann man da aber sicher einiges besser machen als ich heute.
Wunderbar übrigens auch die Schaltung, welche immer wunderbar weich die Gänge durchging. Das Getriebe ist aber definitiv zum gemütlichen Schalten gedacht. Fanatiker kurzer Schaltwege werden nicht ganz auf ihre Kosten kommen. Ist aber kein Problem: Spaß machts trotzdem.
Für Serie macht der Auspuff übrigens einen schönen Sound. Im Innenraum ein leichtes Brummen ohne nervig zu sein und hinten faucht er ordentlich ohne Herzinfarkte zu verursachen.

Alltagstauglichkeit

Die ist definitiv gegeben. Von kleinen Mankos, die ich beim Interieur beschrieben habe, mal abgesehen ist er ein vollwertiger Kombi. Riesen Heckklappe, die schön weit hoch geht. Großer Kofferraum, eine Rücksitzbank die komplett eben umzuklappen ist und 1500 l Laderaumvolumen deuten darauf hin, dass Reisen und Trasportieren für dieses Fahrzeug kein Problem darstellt. Ab Werk gibt es außerdem Dachreling und gegen Aufpreis Dachträger. Da kann der nächste Urlaub kommen – Jederzeit mit 5 Leuten und Gepäck über hunderte Kilometer. Oder einfach, wie in meinem Fall oft, mit Laptop 200 km über die Autobahn.
Den Verbrauch gibt Ford kombiniert mit 7,2 l/100 km an. Wieder so ein Ding wie mit dem Diffusor. 10-12 l/100 km sind realistischer, wenn man ihn auch mal schneller bewegt. Wenn man es drauf anlegt sind diese 7 Liter sicher machbar…aber dann kann man auch den 1.0 l EcoBoost kaufen…da muss es kein ST sein. Kraft kommt von Kraftstoff.
Ansonsten hat er alles was ich mir von meinem Alltagsauto erwarte: Ich fühle mich wohl und sicher darin.
Eine Anmerkung noch an die weiblichen Leserinnen dieses Textes. Laut meiner besseren Hälfte ist das Auto fast unmöglich mit Absatzschuhen zu fahren, da die Pedale dafür ungünstig angebracht sind.


Technik

Vollausstattung…da ist alles an Board was man braucht. Aber eben auch viel was man nicht braucht.
Zunächst mal die wirklich schönen Sachen, die ich gerne in meinem Auto hätte (bzw. z.T. schon habe :D):
Sitzheizung (eine die auch dauerhaft an ist), 2-Zonen Klimaautomatik, Zusatzinstrumente für Öldruck, Ladedruck und Öltemperatur, Diebstahl-Alarmanlage mit Innenraumüberwachung, 2-Stufen Schlösser, Regensensor, Bi-Xenon-Scheinwerfer, beheizbare Frontscheibe, ordentliches Soundsystem

Und nun die Dinge, die mir echt auf den Keks gegangen sind:

  • Rückfahrpiepser (Piep, Piep, Nerv)
  • Totwinkel-Assistent (der übrigens auch geleuchtet hat, wenn da einfach nur eine Leitplanke war…oder ein Baum…oder ein Schneekrümel)
  • Spiegel mit Umfeldbeleuchtung (so ein Quatsch)
  • autom. abblendeder Innenspiegel (Als wenn ich nicht einfach an den Hebel fassen könnte)
  • Müdigkeitswarner (Wann ich müde bin entscheide ich)
  • Schilderkennung (die nur ab und an mal ging…und in einer 30 Zone aus „max. 9 t“ einfach mal eine „90“ anzeigt)
  • Keyless System (nette Sache, aber den Aufpreis nicht wert)
  • Fernlichtassistent & automatisches Licht (macht eh was es will, besonders an dusteren Tagen wie heute)
  • und noch vieles vieles mehr…

Um es kurz zu machen kann man sagen, dass der gefahrene Wagen fast 40.000 € gekostet hat. Ein selbst konfigurierter kostet nach Liste, ohne diesen ganzen Kram gerade mal 30.000 €…und besser vorwärts geht er wahrscheinlich auch, da grob 100 kg (MINDESTENS!) fehlen dürften. Mit Rabatten ist man da weiter unter 30.000 €…ein absoluter Kampfpreis. Genau so etwas wünsch ich mir mal bei Mitsubishi.
Zum Schluss aber mal noch eine Aufzählung der netten Kürzel, die man so im Auto findet. Der Spaß muss sein:
ABS, EBD, ESP, TCS, eTVC, IPS, EBA und SYNC mit MFD, USB, AUX, sowie BT und A2DP. Wofür das alles steht, dürft ihr gerne selber ergooglen. 😛

Fazit

Das Fazit erzeugt gemischte Gefühle. Einerseits macht der Ford genau das was er machen soll. Ein Kombi mit genügend Platz, wo auch gerne der Nachwuchs geplant werden kann. Und beim Fahren hat Papa (bzw. Mama) auch noch Spaß. Der Verbrauch geht in Ordnung, vor allem da der Motor problemlos 95 Oktan verträgt, das Fahrwerk ist gut, die Verarbeitung klasse und das Fahrgefühl schön.
Irgendwie geht das Auto schon in Ordnung. Es ist ein Kombi, wie er sein soll. Langweilig, Mainstream, praktisch und ohne großes Aufsehen.
Was fehlt sind die Emotionen, die man bei anderen Autos empfindet. Daran ändert auch der richtig böse 250 PS Motor nichts. Der Ford Focus Tunier ist ein Biedermann, egal ob mit ST oder ohne. Aber das darf man ihm nicht ankreiden. Genau das soll ein Kombi schließlich eigentlich sein. Wer Emotionen will, soll sich einen Sportwagen oder eine Sportlimousine holen. Schließlich erzeugt selbst ein RS6 kaum mehr Emotionen. Ein Motor ist schließlich nicht alles. Wer auch mal was transportieren muss oder will, muss eben entweder Verzicht üben oder sich einen Zweitwagen holen. Aber so ein unterschätzter Biedermann kann schließlich auch schön sein.
Aber auch das größte Manko darf nicht unerwähnt bleiben. Die Kopfstützen der vorderen Sitze drücken den Kopf derart unbequem nach vorn, zumindest bei mir und meiner Co-Pilotin, dass es wirklich unbequem wurde. Andere sitzen vielleicht anders und finden das nicht so schlimm. Für mich (uns) ist es ein Ausschlusskriterium, wenn man es mit den Sitzen in einem Passat, A4 oder Superb vergleicht.
Nichtsdestotrotz steht er wegen vieler positiver Eigenschaften ganz oben auf der „könnte Outlander-Nachfolger werden“ Liste. Irgendwie kann er alles und das Meiste eben etwas besser als der 6 Jahre ältere Outlander. Ob das auch bedeutet, dass er besser ist als andere Kombis wird sich zeigen. Auf dieser „Liste“ stehen noch andere Fahrzeuge. :)
Letzter Satz: Der Focus punktet beim Preis. Das Angebot, was ich vom Autohaus vorgelegt bekommen habe, lässt einen schwach werden. Dafür bekommt man bei gewissen deutschen Herstellern nicht mal einen Gebrauchten mit weniger Leistung.

Danke an die Sachsengarage Dresden Löbtau für die Probefahrt und das Angebot.

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