Ford Focus RS MK3

Ford Focus RS Front  Im Frühjahr 2017 war es wieder soweit. Ich suchte einen Nachfolger für meinen Mazda 3 MPS, der mich 3 Jahre treu begleitet hat. Nachdem sich ein Angebot für einen C43 AMG leider zerschlagen hat (und ich im Nachhinein sehr froh darum bin) habe ich endlich mal einen Focus RS probe gefahren. Bisher hatten mich diverse Stories von Besitzern und ehemaligen Besitzern etwas abgehalten.
Vor einigen Jahren bin ich den Focus ST probe gefahren und 2013 hat uns ein Focus Diesel über 1800 km bei einem 10 Tage Roadtrip durch Irland begleitet. Bin also in Sachen Ford Focus nicht völlig ohne Vorerfahrung.
An einem Samstag bin ich dann nach Plauen gefahren um einen RS mit Recaro Halbschalten probe zu fahren und danach u.U. gleich zu kaufen.

Innenraum
Auf den ersten Blick von außen gefiel mir der Innenraum durchaus. Die Racaros geben ein sportliches Bild ab und die Details sind ordentlich und sportlich designt. Als ich mich rein gesetzt habe, merkte ich sofort was viele schon zu mir gesagt haben: Die Halbschalen sind irgendwie einen Tick zu hoch angebracht. Fand ich auch, allerdings ist das auch eine Gewohnheitsfrage und es gibt wohl bei Recaro mittlerweile Austauschkonsolen die den Sitz ca. 2-3 cm weiter runter bringen.
Eine Höhenverstellung sucht man übrigens vergebens, die gibt es nur bei den normalen Recaros. Die sind, das weiß ich aus Focus ST und Fiesta ST, etwas enger geschnitten und haben eine sehr weit vorne stehende Kopfstütze, sind aber sonst sehr bequem. Wobei das mit der Kopfstütze nur mich so sehr stört, was auch an meiner kaputten HWS liegt.
Im ersten Moment fühlten sich die Halbschalen aber ordentlich an. Ein Gefühl, welches schon nach den ersten Metern fahrt abebben sollte. Aber dazu gleich mehr unter Fahrwerk.
Das Lenkrad ist dafür sehr gut gestaltet. Genau die richtige Größe und dabei wunderbar griffig. Die Bereiche zum Anfassen sind genoppt und oben und unten ist angenehm gepolstertes Leder dran. Die Knöpfe sind einfach und gut zu erreichen und die ST/RS Typische Spielerei mit analogen Anzeigen für Ladedruck, Öldruck und Öltemperatur geben ein echt sportliches Feeling.
Die Tachoeinheit fand ich ebenfalls io, wenngleich die Anzeigen einen vergleichsweise geringen Durchmesser haben, sodass die Temposkala sehr gedrängt ist. Das macht es schwierig mit einem kurzen Blick zu erkennen ob es 50 oder 60 km/h sind die man fährt.
Dafür gibt es aber in der Mitte einen guten Display auf dem man sich u.a. auch die Geschwindigkeit digital anzeigen lassen kann. Zusätzlich kann man verschiedene Anzeigen bequem am Lenkrad durchschalten und hat sogar eine Kombianzeige bei der 4 Sachen gleichzeitig angezeigt werden.

Und der Platz hinten? Der ist überschaubar, aber nicht schlecht. Konnte hinter mir selbst mit 1,88 m ebenfalls ganz gut sitzen, wenn auch die Kopffreiheit hinten, die vorne sehr gut ist, etwas leidet. Aber 1,88 m geht durchaus noch auch für ein paar Kilometer mehr. Dabei ist auch der Kofferraum ok, wenngleich der durch die schräge Heckscheibe einiges verliert. Beim Platz hinten und im Kofferraum hat der MPS definitiv etwas mehr, aber es liegen keine unglaublichen Welten dazwischen. A45 AMG bietet hier viel viel weniger und Leon Cupra und VW Golf bieten nicht so viel mehr, außer dass die schräge Heckscheibe nicht ist.

Alles in allem ein guter Innenraum der bei Verarbeitung und verwendeten Materialien nicht ganz an VW Golf R und A45 AMG herranreicht, aber durchaus auf einem gutem Niveau irgendwo zwischen WRX STi und Leon Cupra liegt.

Recaro Halbschalten Ford Focus RSFahrwerk
Ford ist durchaus bekannt dafür straffe und gute Fahrwerke zu bauen. Im Focus ST hatte ich das ebenso gemerkt wie im Focus Diesel. Streng genommen auch im MPS, da Bodengruppe und Fahrwerk im Prinzip ein Mix aus Focus ST und RS MK2 sind. Ich mag es, wenn das Fahrwerk schön straff ist und die Fahrbahn gut zurückmeldet. Da darf mir das Auto auch gerne mal eine Querrille derber zurück melden, wie es der MPS tut. Einer der Gründe warum ich mittlerweile froh bin, dass aus dem C43 nichts wurde. Der glitt mehr über die Straße und meldete selbst im Sportmodus alles etwas künstlich zurück. WRX STi und Evos sind da ja echt Spitze. Man fühlt jederzeit die Straße und das gibt Sicherheit. Ich bin also durchaus ein Freund von sehr straffen Fahrwerken als von solchen Schaukeln.
Der Focus RS verfügt dabei über adaptiver Dämpfer und 4 Fahrmodi, welche die Dämpfer einstellen. Der 4. Modus ist der „Drift“ Modus, welchen ich außen vor lasse. Den habe ich nicht ausprobiert. Es gibt Normal, Sport und Track. Ich würde die Modi eher so beschreiben: Sehr hart, Brutal und Bandscheibenvorfall. Ich hatte 50 km Testfahrt und bin etwas durch Plauen und dann raus auf die A72 und rückzu über die Landstraße.
Hier möchte ich nochmal auf die Sitze kommen. Im ersten Moment angenehm, schon nach den ersten 200 m wurden sie unangenehmer. Die Sitze sind relativ hart ausgelegt, was erstmal nichts schlimmes ist. Aber in Verbindung mit diesem Fahrwerk wird die Fahrt zur Tortur. Irre spaßig und mit viel Rallyefeeling auf die ersten 20-30 km. Wenn ich mir vorstelle in dieser Kombination 500 km in den Urlaub zu fahren, dann brauche ich nach jeder Fahrt nochmal 2 Tage extra Urlaub.

Man hoppelt über jede Welle und das Fahrzeug gibt einem unvermittelt absolut jede Unebenheit weiter. Im Trackmodus schüttelt es einen richtig durch und die harten Sitze sorgen dafür, dass die Wirbelsäule und die Hüfte jeden Schlag richtig spührt. Das ganze in Kombination mit der hohen Sitzposition machte mir außerdem das Kuppeln eher schwer, sodass auch mein linker Oberschenkel irgendwann etwas unter Spannung stand.

Aber genug Geheule über die Härte von Sitzen und Fahrwerk und deren Auswirkungen auf meinen Rücken. Der RS soll ja nicht unbedingt bequem sein, sondern Spaß machen und kurven räubern. Und zur Hölle, das macht er wie ich es seit Evo und GT86 nicht mehr erlebt habe. Die Lenkung ist super direkt in jedem Modus und er beißt sich in Kurven, dass man denkt es gäbe in der Physik nur Haftreibung und keine Fliehkräfte. Untersteuern? Egel wie ich es versucht habe: keine Chance. Auch das Heck war in den Kurven souverän und man merkte richtig, wie der RS von hinten durch die Kurve gedrückt wird. Phänomenal. Auch wie der RS dann aus der Kurve kommt. Gang runter, in die Kurve und am Scheitel voll drauf und rein in den nächsten Gang und vorwärts. Absolute Spitzenklasse wie das Torque Vectoring mit den unabhängig kuppelnden Rädern hinten in den Kurven funktioniert.

So geil das Fahrwerk aber auf der Landstraße ist, so nervig ist es wiederum auf der Autobahn. Man hoppelt selbst mit 130 km/h regelrecht über die Bahn. Bin dann mal ganz kurz 200 gefahren und das war echt anstrengend. Dauervollgas? Nur wenn man einen guten Tag hat wo man Spaß dran hat im Auto zu arbeiten. Hier merkt man, dass der RS für den Spaß auf der Landstraße aber keinesfalls für die Autobahn gebaut ist. Man kann schon fahren, aber jemand mit meinem Fahrprofil (80 % BAB) sollte sich das wirklich zwei mal überlegen.

Auf der Rückfahrt offenbarte das System mir aber noch eine Schwäche, von der schon einige RS Fahrer berichteten. Was das System gar nicht mag sind Spurwechsel mit starken Spurrillen. Bin die Landstraße nach Plauen wieder rein gefahren und hatte ein langsames Fahrzeug vor mir. Auf einer langen Graden die frei war habe ich dann normal überholt. Die Straße hatte Spurrillen und noch dazu wie einen Huckel in der Mitte (die Fahrbahn ging links und rechts davon etwas schräg). Ich bei 80 den Blinker und links rüber, worauf das Heck plötzlich einen leichten Schubs nach rechts machte und das ganze Fahrzeug Anstalten machte noch etwas nach links zu kommen. Beim kurzen korrigieren die entsprechend entgegensetzte Reaktion, dann ging es wieder. War nicht sehr, aber ich bin trotzdem kurz erschrocken wegen dieser doch unerwarteten Reaktion. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das auf Dauer gefällt, wobei man sich sicher dran gewöhnt.

Motor und Auspuff
Für den einen Hui und für den anderen Pfui. Der Motor zunächst ist wirklich erste Sahne. Sicher sind die DSG Konkurrenten ala Golf R und A45 deutlich schneller, weil man mit jedem Schaltvorgang ein paar Meter verliert aber insgesamt zieht er wirklich ordentlich nach vorne. MPS und Golf GTI kommen hier nicht hinterher. Der Performance GTI mit DSG hat vielleicht noch die Chance halbwegs dran zu bleiben. Auch konnte ich auf der Landstraße kein Turboloch das wirklich schwer wiegt finden. Der Motor ist Top. Man muss nur hoffen, dass sie die Anfangsprobleme mit Kühlwasser im Zylinder behoben haben. Sollte bei 5-7 Jahren möglicher Garantie aber nicht so schwer wiegen.

Der Sound ist wirklich gelungen. Wirkt nicht so künstlich, einfach nur gut gemacht. Für 4 Zylinder sehr dumpf und bei Vollgas knattert es richtig. Klingt deutlich besser als A45 und Golf R. Wenn nur da dieses furzen nicht wäre. Jeder Fahrmodus und egal welcher Gang, immer knallt diese Kiste hinten raus. Da kann ich nur das gleiche sagen wie beim Golf R und Leon Cupra: 50 km lustig, später wird kindisch. Wobei es immerhin zum Auftritt des RS besser passt als beim Golf R….immerhin.

Und der Auspuff hat noch ein Manko, welches auch die Konkurrenten ohne Klappenauspuff haben. Der Auspuff knallt einem auf der Autobahn den Sound ohne Gnade in die Ohren. Ab 160 km/h ist es nicht nur vom Fahrwerk anstrengend zu fahren, sondern auch der Sound im Auto. Windgeräusche hört man null im Auto….weil in dem Bereich nur noch Auspuff zu hören ist. Wem das Spaß macht, der wird seine helle Freude daran haben und das Dauergrinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen. Ich fand es anstrengend und war froh von der BAB wieder runter zu sein.

Im übrigen muss man auch damit leben, dass einem andere Autofahrer und Passanten mal den Vogel zeigen, nur weil man kurz von 50 auf 70 beschleunigt hat um die gelbe Ampel noch zu erwischen…das reicht nämlich schon um zu knallen.

Media und Technik
Technik steckt einiges im Auto. Lässt sich aber easy bedienen. Das hat Ford echt gut gemacht. Die Fahrmodi schaltet man mit einem Knopf in der Mittelkonsole durch. An der gleichen Stelle findet man einen Knopf fürs ESP und die Start/Stopp Automatik. Ganz simpel und intuitiv. Ebenfalls Pluspunkte gibt es für die mechanische Handbremse und die gut zu bedienende Lüftung/2-Zonen Klima.

Cockpit Ford Focus RSNicht so vom Hocker gerissen hat mich wieder das Multimediasystem. Es ist nicht schlecht. USB hat gut funktioniert, der Klang ist absolut gut für ein Seriensystem und mit UKW und DAB+ hat man auch alles was das Herz begehrt. Dabei ist der Touchscreen in der Mitte gut lesbar. Was wieder, fast schon fordtypisch, nervt ist die Menüführung und die Bedienung allgemein. Die ist absolut unlogisch und selbst ein Technikfan wie ich braucht gute 15 min um alles so einzustellen wie er es haben will. Das war aber auch schon im ST, dem Focus Diesel und in einem Mondeo den ich mal gefahren bin so. Irgendwie bekommt Ford das nicht so richtig hin ihre Oberflächen der Radios mal nutzerfreundlich zu gestalten.

Und sonst so?

Der Vorführer hatte 11.000 km auf der Uhr und wird wohl von einem Mitarbeiter dort gefahren und als Probeauto zur Verfügung gestellt. Dabei handelt es sich aber um einen Raucher, was für einen Nichtraucher sehr ekelhaft war. Da kann der recht unfreundliche Verkäufer gerne 20 Duftbäume ins Auto hängen, es bleibt ekelhaft. So was mit einem Vorführfahrzeug zu machen geht mir nicht in den Kopf rein.
Wer übrigens überlegt einen RS zu kaufen, sollte lange Wartezeiten in Kauf nehmen oder sich einen Aussteller/Vorführer suchen. Der derzeitige Liefertermin (Stand April 2017), wenn man heute einen RS bestellt liegt bei Ende 2018 mit der Option, dass es später wird.
Es gibt allerdings ausreichend Aussteller in Deutschland, sodass man sicher einen findet der die gewünschte Ausstattung hat.

Ford Focus RS FrontFazit

Der RS ist kompromisslos auf Kurvenräubern mit viel Spaß gebaut. Anders kann ich es nicht sagen. Und zwar deutlich kompromissloser als es der Evo je war. Im Evo 10 500 km am Stück (mehr gibt der Tank ja meist nicht her) fahren? Kein Problem. Im Focus RS 500 km am Stück fahren (auch hier gibt es nur einen winzigen 51 l Tank)? Ich kann mir schöneres vorstellen. Zum Beispiel an eine Bierbank 4 Räder anschrauben und mich vom LKW ziehen lassen.
Der RS wäre für mich persönlich ein klasse Wochenende Auto. Schönes Wetter, kein Stress und einfach nur Spaß ohne Ende. Da darf es laut sein, da darf es schütteln und da darf mir nach 50 km auf dem zu harten Sitz der knochige Hintern weh tun. Perfekt.
Doch mit dem Auto 150 km zum Termin fahren und dann nach einem langen und anstrengenden Meeting wieder 150 km in der Kiste zurück? Allein die Vorstellung daran hat nichts angenehmes für mich. Vor allem da ich nach den 50 km Probefahrt schon mit Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule (0 Unterstützung, alle Schläge direkt drauf), des Nacken (hohe Sitzposition, wenig Verstellung am Lenkrad) und der Oberschenkel (hohe Sitzposition, keine sinnvollen Auflagen für lange Beine) ausgestiegen bin. Nach 150 km hätte man mich sicher Quasimodo nennen können.

Es ist definitiv kein schlechtes Auto, auch wenn ich hier vor allem auf die Probleme eingegangen bin. Für den Preis bekommt man mehr Emotionen und Platz als beim teuren A45 AMG, mehr Kurvenlage und Spaß als beim Golf R und mehr Rennsportfeeling als beim Leon Cupra. Man bekommt aber auch weniger Komfort und weniger Kompromiss. Meine Empfehlung für Ford: Gutes Auto, aber ein Abo für den Physiotherapeuten als Ausstattungsoption wäre keine schlechte Idee.

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